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persönlicher Reisebericht zu einer Wolga-Flussreise 1984 von Herrn Wolfgang Meier

 

Eine Reise von Frankfurt/Main nach Kasan, die Wolga flussabwärts bis Rostow am Don
gebucht 1984 bei Reise-Quelle Fürth

>>>>>>> (Herzlichen Dank für die Übersendung des Reiseberichts!)

Reise-Quelle

Mit einem modernen Fahrgastschiff auf Wolga und Don bis Rostow. So ungefähr stand es, für mich sehr verlockend, in einer Illustrierten Zeitung. Einschließlich Flug mit Aeroflot von Frankfurt / Main bis Kasan, und von Rostow über Moskau zurück nach Frankfurt.

Russland und seine Bewohner hatten mich schon seit Anfang des zweiten Weltkrieges in steigendem Maße interessiert. Denn da waren die Wochenschauen als Vorspann im Kino, die ersten Kriegsgefangenen in unserem Dorf, deren schöne melancholische Lieder, und die von hochnäsigen, charakterlosen, von sich selbst verblendeten deutschen Intellektuellen formulierten, gezielt abfälligen Bemerkungen über dieses riesige Land und dessen slawische Bewohner, die „Untermenschen“. Später als bleibender Eindruck dann noch der Einmarsch von Einheiten der Roten Armee an einem frühen Nachmittag in unserem Dorf. Am 9.Mai 1945, einen Tag nach der bedingungslosen Kapitulation Deutschlands.

Ich hatte mich auch in zunehmendem Maße mit der Literatur Russlands beschäftigt, und sogar versucht, die Anfangsgründe der russischen Sprache in Volkshochschul-Abendkursen zu erlernen. Auch der so genannte „Eiserne Vorhang“, der Besuchsreisen in dieses Land sehr erschwerte, war für mich eher ein Anreiz, denselben zu überwinden, als ein Hindernisgrund dafür, Besuche dorthin zu unterlassen. Und so meldete ich mich kurz entschlossen im Reisebüro für diese Fluss-Schifffahrtsreise an.

Aeroflot am Flughafen Frankfurt

Wolga-Don-Flussreise

In Russland war ich damals schon einmal gewesen, und zwar in Kiew, in der Ukraine. Eigentlich war ich mit meiner Frau und Susi und Barbara, unseren beiden Kindern, nach Constanza in Rumänien am „Schwarzen Meer“ in Urlaub geflogen, wo den Touristen durch Anschlag am schwarzen Brett neben anderen Ausflügen auch eine eintägige Flugreise nach Kiew angeboten wurde.
In Constanza war der Badestrand für Ostdeutsche und Westdeutsche sorgfältig gegeneinander abgegrenzt. Und niemand, weder Alt noch Jung aus Ost und West, und noch nicht einmal ich, hat dagegen offen und ehrlich bis wütend laut protestiert. Auch im großen Speisesaal herrschte strikte Trennung der beiden deutschen Klassenfeinde. Die, angeblich von beiden letzteren beiden, wie vom Gastgeber behauptet, erwünschte Trennung, erfolgte hier aber auf besonders perfide, rein organisatorische Weise, nämlich dadurch, dass man die Essenszeiten der Deutschen Ost und Deutschen West im zentralen Speisesaal bewusst zeitlich stark versetzt festgelegt hatte.

Durch den Eisernen Vorhang getrennte deutsche Familien haben aber immer wieder Wege gefunden, um sich, allen schamlosen Schikanen zum Trotz, dort in Constanza oder anderswo in Osteuropa zu treffen.

Nach dieser kurzen Abweichung vom eigentlichen Thema meiner heutigen Erzählung komme ich hiermit aber wieder auf die Wolga-Schiffsreise zurück:
Das Reisebüro besorgte alle nötigen Papiere. Bis Frankfurt fuhr ich per Bundesbahn direkt in den dortigen Bahnhof unter dem Flughafengebäude. Schließlich werde ich, nach vorheriger Pass-und Visumkontrolle und dem Einchecken des Gepäcks, in einen besonderen Warteraum mit den anderen UDSSR-Reisenden eingewiesen. Aus dem Fenster kann man eine, wahrscheinlich „unsre“ Aeroflot-Maschine bereits wartend stehen sehen. Die wegen ihrer Uniformen für uns auffälligen Mitglieder der russischen Crew laufen mehrere Male kreuz und quer durch den Warteraum. Sie müssen sich, als Lebewesen von „hinter dem Eisernen Vorhang“ besonders prüfende misstrauische Blicke gefallen lassen. Das war am 4. Juli 1984.

Ob wir in Moskau noch zwischengelandet sind, oder nicht, das ist mir entfallen. In Kasan sind wir jedenfalls erst in stockdunkler Nacht gelandet, und vom Rollfeld in einen Bus umgestiegen. Als letzter stieg ein zierlicher junger dunkelhaariger Mann zu uns ein, sagte brav „Guten Abend“ und, dass er sich freue, uns als unser Reiseleiter begrüßen zu dürfen. Sein Name sei „Ilfir Gusatulin“. Dann fuhren wir los zum Flusshafen, zum Liegeplatz des Schiffes.
Da ich der einzige Einzelreisende bin, bekomme ich eine der wenigen Einmann-Kabinen auf dem obersten Deck des Motorschiffes zugewiesen. So eine Kabine ist zwar ziemlich knapp geschnitten, verfügt aber über eine eigene Dusche mit WC. Das Schiff wurde nach dem Krieg, das verrät ein ovales kleines irgendwo im Gang hängendes Messingschild, auf einer Rostocker Werft gebaut. Später, nachdem ich meine Reiseutensilien halbwegs verstaut habe, wird über Bord- Lautsprecher schon zum Abendessen gebeten. Der Speisesaal dürfte allen Ansprüchen gerecht geworden sein. Meinen Ansprüchen sowieso. Das Abendessen ist schmackhaft und reichlich. In der Ecke neben einem Podium steht eine Bartheke und ein Flügel. Der eine oder andere der Passagiere gönnt sich schon einmal seine ersten „sto gramm“ d.h. 100 g Wodka. Nur so als Verdauungsnachhilfe und flüssige „Schlaftablette“.
In dieser ersten Nacht wird das Schiff, die „Konstantin Fedin“, noch nicht auslaufen. Denn für den nächsten Tag ist zunächst eine Besichtigung der Stadt Kasan geplant. Auf die enge Kabine, das schmale Bett, auf das Säuseln von Ventilatoren und das leichte Dümpeln des Schiffskörpers habe ich mich rasch eingestellt und habe anschließend gut und gern durchgeschlafen.

Kathedrale in Kasan

die Reiseroute auf Wolga und Don
Doch schon reißen mich überlautes, eifriges Hühner-Gegacker und sonstige, mir aus meinen Kindertagen immer noch wohlvertraute Bauernhofgeräusche aus meiner Traumwelt heraus. In das ganze Tohuwabohu hinein kräht dazu ein Hahn aus Leibeskräften, und das zu allem Überfluss auch noch elektrisch verstärkt, und von mir nicht verscheuch-bzw abschaltbar, ein halbes Dutzend mal wie verrückt aus dem Bordlautsprecher. Kurz danach nimmt aber „Ilfir“ das Mikrofon wieder zur Hand, wünscht einen guten Morgen und lädt uns alle ein, im Trainings- oder Schlafanzug auf dem Achterdeck zu erscheinen um am Frühsport teilzunehmen.
Die russische, promovierte Vorturnerin, Frau Dr. X, ist kräftig gebaut und lässt schon, zur Eile mahnend, von draußen herein ihre Kommandos vernehmlich erschallen. Vom nahen Hafenbecken aus werden wir von einfach gekleideten Einheimischen neugierig beäugt. Diese dürften in diesem ihrem Arbeiterparadies vermutlich ganz andere Sorgen und Wünsche gehabt haben als wir. Als die, vor ihren verwunderten Augen auf dem Sonnendeck eines Luxus-Flusskreuzfahrtschiffes sich herumräckelnden, sensationslüsternen Gäste aus dem westlichen Ausland.

„Arme seitlich gestreckt, tief einatmen, Luft anhalten, aus der Hüfte heraus leicht nach vorne beugen, tief ausatmen“, so oder so Ähnliches verlangt jetzt von uns, aber auch von sich selbst, Frau Dr. X. Trotz der frischen Morgenbrise kommt man hier oben schon in aller Frühe ja schier ins Schwitzen! Und sie paukt auch schon wieder und wieder: „Keine Müdigkeit vortäuschen!“ Und: „Aus der Hüfte heraus langsam bewusst grenzwertig kreisen!“
Inzwischen ist mir meine leichte lange Lieblings-Freizeithose beim pausenlosen Herumhopsen und Strecken auf dem Sonnendeck ein wenig zu weit nach abwärts über die Hüftknochen gerutscht. Beim anschließenden Befehl der das Kommando habenden Matrone, die Beine zu grätschen, macht es aber plötzlich vernehmlich „ratsch“ und die Naht meiner Hose ist hinten unten, im Schritt, ziemlich weit aufgeplatzt.
Zum Glück wird jetzt nicht auch noch sofort „Mit durchgestreckten Knien tief bücken“ befohlen und ich stehe zudem in der hintersten, mit dem Rücken dem Wasser und nicht dem mit Sowjetmenschen besetzten Hafenkai zugewandten Reihe. Ich verweigere, spür- und vermutlich auch sichtbar wechselweise erblassend bis leicht errötend, kurzerhand alle weiteren Übungen, ziehe den Hosenbund hoch, kneife die Po-Backen zusammen und schleiche mit steifen kurzen Schritten und durchgedrücktem Kreuz meiner Klause im Oberdeck zu. Die nach dort führende Treppe nehme ich halbseitlich wachsam gedreht; denn man kann ja nie wissen, wer gerade hinter einem her ist. Oben angekommen suche und finde ich nach kurzem nervösem Wühlen meine langbeinige Reservehose. Atme tief auf.

Zum ersten Mal an diesem Tag erfreue ich mich danach ganz bewusst auch an dem freien Ausblick nach vorne über den Bug des Schiffes und über die glitzernden Wasser der Wolga. Dann steige ich die schmale Treppe, dank neuer Beinkleidung wieder halbwegs mental selbst-rückgesichert, hinunter zum Hauptdeck in Richtung Speisesaal. Nach dem Frühstück wird die Stadtführung durch Kasan stattfinden. Diesmal stellt sich uns im Bus eine stattliche unscheinbare Frau als örtlich zuständige Fremdenführerin vor. Während der Fahrt vom Hafen in die Innenstadt macht sie uns mit wesentlichen Grunddaten zur Geschichte der Stadt vertraut. Am Rande eines weiten Platzes lässt sie den Bus anhalten. Dann gehen wir alle quer über denselben auf eine diesen Platz beherrschende Stalin-Statue zu. Vor dieser Statue ist ein mächtiger Granitblock aufgestellt, in den sinngemäß Folgendes eingemeißelt steht: „Ewiger Ruhm den Helden, die im Großen Vaterländischen Krieg für die Befreiung unseres Vaterlandes gefallen sind“.

die Wolga bei Kasan

im Kreml von Kasan

Das Denkmal wird, vermutlich Tag und Nacht, von „Jungen Pionieren“ in Uniform bewacht. Die jungen Leute, zur Hälfte Mädchen bzw. Jungen tragen quer vor der Brust Maschinenpistolen mit aufgepflanztem, blitzblankem, kurzem Bajonett. Gerade als wir das Denkmal erreichen, wird eine schneidige Wachablösung durchgeführt.
Die Stadt Kasan zählt heute, also im Jahr 2012 etwa 1.3 Millionen Einwohner. Zur Hälfte sind es Tataren und zu einem Drittel Russen. Ferner verschiedene kleinere asiatische Volksstämme und Juden. Aus einer der jüdischen Familien in der Region stammt der weltbekannte Geiger Jehudi Menuhin. Kasan ist heute auch das russische Islamzentrum. Die alte Stadtmauer des Kreml von Kasan, also des befestigten Stadtkerns umschließt einige bemerkenswerte Architekturdenkmäler. Z.B: die orthodoxe Kathedrale „Mariä Verkündigung“ mit ihren blauen Zwiebelturmkuppeln.
Im Nahbereich des Kreml besichtigen wir auch ein städtisches Museum. Die Exponate entstammen vielen zurückliegenden Jahrhunderten, aber es sind auch Beutestücke aus dem zweiten Weltkrieg zu sehen, nämlich deutsche Wehrmacht-und SS-Uniformen, Infanteriewaffen, Stahlhelme und Feldpostbriefe. Unsere Stadtführerin zeigt sie ohne jeden wie auch immer denkbaren Kommentar dazu. Im zentralen Ausstellungssaal steht auch ein Leichtbau-Doppeldeckerflugzeug. Eine sogenannte „Rollbahnkrähe“. Diese Bezeichnung für ein bestimmtes Flugzeug war mir aus Erzählungen meines Onkels, der an der Ostfront, westlich von Taganrog, Soldat gewesen war, noch gut bekannt.


Taganrog Kulturhaus Metallurg

Tschechow-Haus in Taganrog
In demselben Taganrog am Asowschen Meer war einst ein russischer Dichter von Weltruf geboren worden, nämlich Anton Pawlowitsch Tschechow, der erst über seine persönliche finanzielle Notlage, welche er nur durch Verfassen von Kurzgeschichten für Zeitungen durchstehen konnte, zu seiner eigentlichen Berufung, der Literatur, gebracht wurde.

Eigentlich hatte er Medizin studiert, dann aber schon kurz nach Beginn seiner beruflichen Laufbahn wegen seiner Betroffenheit darüber, dass er zwei Patientinnen nicht hatte helfen können, sein Schild mit der Aufschrift: Dr. Anton Tschechow eigenhändig von der Haustür abgeschraubt und nie mehr als Arzt praktiziert, sondern sich ganz der Literatur verschrieben. Zu unserem Glück! Was täte wohl ein Berufskollege Tschechows unserer Zeit in seinem Fall? Folgendes ist vorstellbar: Er würde, wegen seiner Berufsehre, die er ja durch seine Fehlleistungen eigentlich bereits weitgehend verloren hat, blasierten Charakters, gekränkt tuend, als erstes jede persönliche Schuld energisch von sich weisen.
Sich, von seiner Standes- Interessenvertretung einen oder gleich mehrere Rechts- bzw. Unrechtsanwälte stellen lassen, und verbissen gegen seinen ehemaligen, von ihm geschädigten Patienten bis zum St. Nimmerleinstag prozessieren. Er würde ferner sogar horrende Ersatz-und Bußleistungen von der Gegenseite fordern, die schließlich seine persönliche Berufs- und Standesehre, die aber vielleicht von Anfang an und nie Maximen seines Denkens und Handelns gewesen waren, durch die Klage gegen seine Kunstfehler geschädigt hätte. Auf den Gedanken, sich in einer anderen, ihn nicht ständig überfordernden Branche zukünftig sein tägliches Brot zu verdienen, würden nur die Allerseltensten kommen.
Vergleichbare charakterliche Rohheiten begehen natürlich auch alle anderen Berufsgruppen, also auch Architekten, Kaufleute usw. Eigentlich kein Wunder angesichts einer inzwischen weitgehend allesamt zänkisch untereinander verfeindeten, hoch verschuldeten, spießig schachernden Egozentriker-Gesellschaft.

Vielleicht kann uns doch nur noch ein Jährchen Anarchie oder ein „Vom Himmel Gesandter“, nämlich ein großmächtiger, auf die Erde einschlagender Meteorit wieder für eine kleine Weile frische Luft im Kopf verschaffen?
Anton Tschechow hatte einmal von Taganrog aus, wohin er besuchsweise (Besuchs-weise?) gereist war, an einen Freund sinngemäß folgenden Brief über seine Eindrücke aus seiner Heimatstadt geschrieben: Die Leute hier sitzen den ganzen lieben Tag gesellig beieinander. Sie lachen und schwatzen schier unermüdlich, und, weil sie alle sehr musikalisch sind, singen sie zwischendurch viele schöne Lieder, begatten einander und lachen und singen weiter. Sonst tun sie gar nichts. Sollte Tschechow den Brief damals an einen deutschen Freund geschrieben haben, dann vielleicht mit dem Hintergedanken, dieses kleine deutsche Völkchen damit zu necken, dass dieses mit seiner Tüchtigkeit immer wieder ihr „Ringsumher“ und auch sich selbst zertrümmert, und, ach wie blöd, danach anschließend Alles kurzatmig und immer kurzatmiger wieder aufbauen muss.

Ach, hätte man den jungen deutschen Soldaten zu Anfang des Russlandkrieges doch lieber einen „Tschechow“ anstatt „Hitlers Mein Kampf „ in den Tornister gesteckt.
Ich bemerke, zufällig in die Nähe einer an sich unauffälligen jungen Frau aus unser Frankfurter Reisegruppe geraten, dass sich diese, wenn keine deutschen Gäste in der Nähe sind, mit der Stadtführerin fließend russisch unterhält. Sie sei schließlich eine Sowjetbürgerin, wohne aber in Düsseldorf, so erklärt sie sich mir gegenüber auf eine dementsprechende Frage. War sie in dieser Zeit des „Kalten Krieges eine Reisebüro-Mitarbeiterin oder eine Botschaftsangehörige? Wer weiß? Das aber nur nebenbei. Nach kurzer langsamer Weiterfahrt während der uns unsere Betreuerin am laufenden Band Lustiges bis Ernsthaftes zur Stadtgeschichte erzählt, halten wir, aber nur ganz kurz, vor einem gepflegt wirkenden Gebäude, dessen über die Erde herausragender Keller mit seinen niedrigen Fenstern aus unverputzten Backsteinen gemauert ist. In den ehemals als Bäckerei genutzten Kellerräumen dieses Hauses hatte der weltbekannte russische Dichter Maxim Gorkij, als er, der „Barfüßler“, der Obdachlose, der Bettler, sich für den Winter einen Unterschlupf gesucht hatte, als Hilfsbäcker gearbeitet. Und genau dieses Haus, dieser Keller vor dem wir jetzt standen, war also, als Schauplatz der Erzählung „Der Prinzipal“, sogar in die Weltliteratur eingegangen. „Der Prinzipal“ und viele andere Geschichten, über die ich durch Zufall einen ersten Zugang zur russischen Literatur gefunden hatte, sind Bestandteil seiner Prosatexte: „Meine Universitäten“. Mit Betonung auf „Meine“. Seine Geburtsstadt, das ehemalige „Nischnij Nowgorod“ an der oberen Wolga wurde ihm zu Ehren später in „Gorkij“ umbenannt.

„Gorkij“ heißt eigentlich: Der Bittere, der Verbitterte. Sein wirklicher Familienname aber ist „Peschkow“, der Wanderer. Gorkijs anschauliche, unverbildete Sprache, die Sprache eines Menschen, der, früh verwaist, fast ohne Schulbildung bei seinen Großeltern aufgewachsen war, hat mich immer sehr berührt.
Er hatte schon als Kind die schonungslos harten Seiten des Lebens am eigenen Leibe persönlich kennen und zu überstehen gelernt. Hatte, empfindsam wie er war, in seiner Situation aber, um seelisch und körperlich überhaupt überleben zu können, ohne Unterlass immer wieder umso leidenschaftlicher nach Gutem und Schönem, nach Tugend und Liebesfähigkeit im Menschen gesucht, hatte aber selbst tugendhaftes Verhalten gegenüber einem Jeden ohne Ausnahme auch persönlich geübt. Hatte für diese seine Mühe letztendlich auch reichliche Tröstung und Anerkennung für sich erfahren.

Beim Vergleich mit einem biederen mitteleuropäischen „Bildungsbürger“ unserer Tage, dem fast ausschließlich bereits mehrfach vorgekautes fremdes Gedankengut, als Bildung erst mühsam und unter viel gutem Zureden eingetrichtert werden muss, ist da schon ein ganz schöner Unterschied, vor allem ergebnismäßig, augenfällig. Leider gab es keine Gelegenheit bzw. war das kein Programmpunkt, beispielhafte Gotteshäuser der verschiedenen, in dieser Stadt vertretenen Religionen von innen zu besichtigen.
Nach dem Mittagessen auf dem Schiff konnte ein jeder sich den Nachmittag nach eigenem Belieben gestalten. Ich habe mich damals für einen Landgang auf eigene Faust entschieden. Diesen dann aber sehr rasch nur auf eine oberflächliche Besichtigung des Hafengeländes begrenzt.
Nach dem Abendessen wird so ziemlich das ganze Schiffspersonal, von Ilfir Gusatulin am Mikrofon, vorgestellt. Zuerst der Kapitän in seiner Paradeuniform mit den vielen Sternen und Litzen und den goldglänzenden Schulterklappen. Danach seine Offiziere. Es folgen in bunter Reihenfolge: Die Maschinisten, der Koch zusammen mit seiner Mannschaft, alle von Kopf bis Fuß ganz in weiß gekleidet, die Reinigungskräfte, die Serviererinnen, ein Stewart, Frau Dr. X, die ich persönlich schon heute früh, kurz nach 7 Uhr, als „meine Hose-zerplatzende Vorturnerin“ ins Herz geschlossen hatte, die mir in den nächsten Tagen aber auch noch als Polit-Agitatorin öfters über den Weg und meine Leber laufen wird. Danach kommt ihre junge Assistentin, eine Moskauerin, auf das Podest. Nach Nennung ihres Namens und einer kurzen Erklärung zu Ihrer Funktion auf dem Schiff , nämlich: „Fragen der Zeit und Vertiefung sozialistischer politischer Kultur“ und „Freizeitgestaltung mit Sport“, fügt sie noch an, auch einen Kurs zum Erlernen der Grundbegriffe der russischen Sprache abhalten zu wollen.

Es folgt die Vorstellung von zwei bisher noch nicht aufgefallenen Herren. Der jüngere davon sei ein Reisebegleiter, der ältere, ein Dr. Y, sei für Geschichte und, genau wie Frau Dr. X für Soziologie und Politische Fragen der Zeit zuständig. Für den Fall, dass wir Fragen hätten, die wir nur im kleinsten Kreise zu besprechen wünschten, wäre er der kompetente Ansprechpartner.
Inzwischen hat sich aber auf der Bühne eine 3 Mann Kapelle niedergelassen, um für die musikalische Untermalung des anschließenden geselligen Abends zu sorgen. Die Bordbar sei geöffnet. Devisen als Zahlungsmittel würden angenommen. Und, so wird noch verkündet, morgen früh, nach dem „Kikeriki“ und dem Frühsport, würden die Anker gelichtet.
Vom Vordeck aus verfolge ich dann am kommenden Morgen das Einziehen der „Gangway“, das Lösen der Taue, das Aufrollen derselben von zwei Matrosen und die sonstigen Ablegemanöver. Dann läutet die Schiffsglocke, tönt eine Hupe und die Bordkapelle spielt: „Muss i denn, muss i denn zuhum Städtele hinaus“.
Etwa 20 km südlich von Kasan, am Zusammenfluss mit der Kama weitet sich die Wolga auf weit mehr als 20 km Breite aus. Das flache östliche Ufer ist nicht mehr am Horizont zu sehen. Man fühlt sich wie ans offene Meer versetzt. Ich möchte jetzt keinerlei Geselligkeit, keine Unterhaltung, sondern als meine Art von Morgengebet, nur noch tief atmen und ganz in mich aufnehmen.

bei Togliatti

Sonnenuntergang an Bord
In „Uljanowsk“ am westlichen Wolgaufer, einer Stadt, genannt nach dem bürgerlichen Familiennamen „Uljanow“ des „Wladimir Iljitsch Lenin“, wird das erste Mal angelegt. Wir werden in die Stadt gebracht und besichtigen dort das Geburtshaus Lenins. Lenin habe eine deutsche Mutter gehabt und 7 Fremdsprachen fließend gesprochen. Sein Geburtshaus, früher ein Art Heiligtum für jeden Sowjetbürger, werde inzwischen als Schauplatz für ziemlich ausgelassenen Sex-Partys stundenweise gegen klingende Münze vermietet, so las ich es vor kurzem in einer russischen Zeitung.
Beim Rundgang durch die Stadt macht uns die Fremdenführerin auf eine Gruppe von etwa 20 knallbunt gekleideten Personen aufmerksam. Das seien „ihre“ Zigeuner sagt sie mit traurig herabgezogenen Mundwinkeln. Man hätte ihnen zwar immer wieder feste Wohnungen zugewiesen um sie sesshaft zu machen, aber leider vergebens; denn sie verließen diese hartnäckig immer wieder schon nach kurzer Zeit und gingen immer genau dorthin, wo man sie auf gar keinen Fall hatte haben wollen.

Simbirsk - heute Uljanowsk

Postkarte von Uljanowsk
Als nächstes legten wir am linken Wolga-Ufer an um die Stadt Togliatti zu besichtigen. Togliatti war als bedeutende Autostadt geplant worden, um auf der Basis einer Lizens mit der italienischen Firma Fiat ein Massenverkehrsmittel für die Sowjetbürger zu produzieren. Für die Autowerker, die Facharbeiter und deren Familien war neben den eigentlichen Produktionsanlagen eine riesige nüchterne Plattenbaustadt auf der grünen Wiese aus dem Boden gestampft worden. Mit allen dazugehörigen Versorgungs- und auch Freizeiteinrichtungen; denn der Bedarf an Unterhaltung dürfte unter den am Reißbrett geplanten vereinheitlichten Lebensbedingungen als, weil arbeitsmäßig förderlich, sehr vordringlich eingeschätzt worden sein.
Im durchscheinend grün-braunen Wolga-Wasser, in der Nähe der Schiffsanlegestelle herrscht Hochbetrieb. Der Sandstrand ist dicht mit erholungssuchenden Menschen jeglicher Gestalt, jeglicher Form, eines jeden Gewichts, Geschlechts und Alters belegt. In dem träge dahinziehenden Strom plantschen ausgelassen ganze Schwärme Gott sei Dank noch wenig anspruchsvoller quietschvergnügter Kinder. Direkt am Ufer entlang spaziert mit auf dem Rücken verschränkten Armen ein älterer Herr. Sein Gesicht wirkt glücklich entspannt, seine Kopfbedeckung ist die typisch russische Arbeitermütze, so eine, wie sie Wladimir Iljytsch Lenin immer persönlich während seiner Reden vor versammelten Volksmassen getragen hatte.
Hier lärmen also fröhliche Kinder. Droben, Wolga-aufwärts in Kasan exerzieren vielleicht gerade jetzt „Junge Pioniere“, aber welche Art von Fantasien machen sich möglicherweise in dem alten Herrn mit der Arbeitermütze angesichts der vielen halbnackten jungen Mädchen breit, wenn er so immer am Ufer hin und her geht?
Die für uns heute zuständige Fremdenführerin war uns erst kurz nach dem Anlegen des Schiffes vorgestellt worden. Sie machte uns zunächst mit den Grunddaten der Stadt und dem Umkreis, sowie damit bekannt, dass die Autostadt nach dem Familiennamen eines italienischen Kommunisten benannt worden ist. Und sie erzählte uns auch, dass das gegenüberliegenden Ufer der Wolga das Reich des berühmt-berüchtigten Atamans „Stepan Rasin“ gewesen sei.
Stepan (Stenka) Rasin ist eine bekannte russische Heldengestalt, ein Mensch, der mit Vorliebe die reichen Leute überfallen und die Armen mit der von ihm gemachten Beute beschenkt habe. Der aber auch, im Begriff eine schöne persische Prinzessin heiraten zu wollen, diese seine Braut im Zwiespalt zwischen einem Schwur der Treue zu seinen Kampfgefährten und der Sehnsucht nach Liebe zu einer Frau, die Schöne letztendlich der Wolga geopfert habe. Von ihm handelt auch ein sehr bekanntes, eindrucksvolles russisches Volkslied.
Bis zum Stadtzentrum waren wir mit einem Bus gebracht worden. Die Freiflächen zwischen den einzelnen, monoton gleichartigen, etwa 10 Stockwerke hohen Wohnblöcken waren zwar sehr großzügig bemessen, aber nur sehr spärlich begrünt. Es war gerade Hochsommer, sonnig und sehr heiß. Inmitten der Trabantenstadt steht eine großmächtige Sporthalle. Auf Plakaten sind einige „Eiskunstlauf-Stars“ angekündigt. Wir durften uns in der sonst menschenleeren Halle, die der Kunsteislauffläche wegen künstlich angenehm kühl gehalten war, von den besten Plätzen aus am Kürprogramm einiger „Stars“, die zum großen Teil auch mir aus Fernsehsendungen bekannt waren, erfreuen.

Togliatti-Wasserkraftwerk

Zhiguli-Autowerk Togliatti
Bei der Rückfahrt fällt mir ein mit schwarzen Hosen und weißem Hemd gekleideter Mann auf, der kopfüber regungslos seitlich links unten am Straßenrand liegt. Keines der vorbeifahrenden Autos hält, kein Mensch kümmert sich um ihn. Als ich die zufällig neben mir sitzende Fremdenführerin darauf aufmerksam mache, blickt sie nur ganz kurz in den Straßengraben und wechselt dann das Thema. Der an sich unauffällige junge „Fremdenführer“, der rechts neben dem Mittelgang, aber mir vis a vis sitzt, und der angeblich neben Russisch nur Englisch versteht, grinst nur verstohlen über meine Naivität, die es mir unmöglich macht, eine real existierende sozialistische Schnapsleiche sofort von einer wirklichen Leiche zu unterscheiden. Doch schon sind wir ja wieder am Hafen angelangt, und unsere Stadtführerin verabschiedet sich sehr herzlich und persönlich von einem jeden von uns. Der Gesichtsausdruck der jungen Frau ist mir als eher ängstlich und sensibel in Erinnerung. Ganz so, als wollte sie liebend gerne eine der unsrigen, eine der ausländischen Gäste sein.

Nach dem Ablegen fällt mir ein älterer Mann auf, der, allein an die Reling gelehnt, regungslos in Fahrtrichtung nach Osten zu blickt. „Dort drüben, in Kujbyschew war ich an die 10 Jahre in Gefangenschaft“, so erklärt er sich mir nach einer Weile unaufgefordert. „Sie haben an diese Zeit sicher viele schmerzliche Erinnerungen“, so frage ich ihn jetzt aber ganz direkt. Und er: „Sowohl als auch.“ Denn in diesen Jahren sei ihm sein, ihm zum großen Teil staatlicherseits während der Zeit des Dritten Reichs eingehämmertes, Weltbild von Grund auf zerrüttet worden. Doch danach sei es, das Weltbild, aber völlig umgestellt, in ihm wieder als ein ganz anderes und neues erstanden.
Das Schiff stand inzwischen still. Denn, und das wurde über Lautsprecher vorher bereits angekündigt, eine Rettungsübung einschl. der Überprüfung der Gebrauchstüchtigkeit aller Rettungsboote werde stattfinden. Zwei solcher Rettungsboote mit je 5 Mann Besatzung waren schon im Wasser. Dort führten die Matrosen, die knallrote Rettungswesten angelegt hatten, verschiedene seemännische Manöver aus. Ein Offizier gab die Befehle des Kapitäns mit für uns Laien unverständlichen Trillerpfeifensignalen an die Matrosen weiter. Als nach einigen Stunden die Boote wieder ordentlich an Bord geholt und dort festgemacht worden waren, ging es weiter in Richtung auf eine Staumauer mit Schleuse zu. Die Wolga war bis dahin aufgestaut gewesen, wechselt nach der Schleuse ihre Fließrichtung von Ost nach West, um danach nahe der Stadt Kujbyschew, mit einige Meter tieferliegendem Wasserspiegel und 100 km weiter, nahe der Stadt Sysran wieder nach Süden umzuschwenken. Von Susram bis zum Zwischenstation Stalingrad geht es dann praktisch 600 km immer nur geradewegs südwärts. Im Bereich von Schleusen herrscht immer strengstes Fotografierverbot.

Wolga-Brücke bei Saratov

eine der vielen Wolga-Schleusen
Wir werden jetzt Tag und Nacht durchfahren. Auch am Gebiet von Saratow geht es tagsüber vorbei, ohne im besonderen darauf einzugehen, dass dies einmal bis zum Einmarsch der Wehrmacht in das von Russland nach der Aufteilung Polens von Russland okkupierte Ostpolen, ein bevorzugtes Siedlungsgebiet der so genannten Wolga-Deutschen gewesen ist. Stalin ließ damals sofort alle deutschstämmigen Bewohner von hier aus nach Kasachstan verfrachten. Geeignete männliche Deutschstämmige kamen in die Trud-Armija, die Arbeitskompanien, um sie, unbewaffnet, ausgesucht riskante Operationen gegen die Wehrmacht durchzuführen zu lassen. Das rechte Wolga-Ufer ist ein bis Stalingrad sich hinziehender einige hundert km langer Höhenzug in den durch die Kraft der Erosion kleiner Flüsschen in Richtung Wolga tief eingekerbte Täler eingeschnitten sind, sodass man hin und wieder nach Westen zu weit in das Hinterland sieht und dort menschliche Siedlungen erkennen kann. Das linke Wolga-Ufer hingegen ist, nur geringfügig über den Wasserspiegel des mächtigen Stromes herausragend, unendlich weites flaches Land. Dort beginnt schon Asien mit seinen menschenleeren Steppenlandschaften.

Vormittags, nach dem Frühstück nehmen wir im Speisesaal gelegentlich und freiwillig an politischen Vorträgen und anschließenden Diskussionen oder am Russisch-Unterricht teil. Für ein paar Stunden, um die ruhige Fahrt auf dem hinteren Oberdeck im Liegestuhl zu genießen, bleibt immer genügend Zeit. Das Wetter ist ideal, es ist sonnig und warm. Nachts ist es in der Kabine trotz Ausstellfenster und Ventilatoren ziemlich schwül. Also halte ich mich dann gern auf dem vorderen Deck auf.
Entgegen kommende, Fluss-aufwärts strebende tuckernde Vergnügungs-oder Lastschiffe blinken sich dann bei ansonsten abgeblendeter Beleuchtung mit aufgeblendeten Scheinwerfern kurz an, und hupen einander sich begrüßend zu.

Am rechten Flussufer vor dunklen bewaldeten Steilhängen lodern wie eine unregelmäßig geknüpfte Lichterkette die Scheiterhaufen von Anglern, Naturfreunden oder von wem auch immer. Wer könnte in solchen Nächten schon durchschlafen?

Freizeit am Wolgaufer

Schiffsverkehr auf der Wolga
Vor den hochlodernden Flammenhaufen stehen, bewegen sich huschend oder mit übermütigen, zuckenden Tanzbewegungen lebhafte tiefschwarze Scherenschnitte. Weiche aber auch gröhlende Gesangsfetzen Besoffener schallen herüber. Eine wild gewordene Harmonika bricht ihre Weise jäh ab. An der Reling des Schiffes stehen andächtig still einige wenige Einzelne oder aneinander gelehnte Paare.
Der warmfarben strahlende Lichtball des Vollmonds schwebt wie ein riesiger Lampion über seinem zittrigen, gespiegelten Ebenbild auf der Oberfläche des gewaltigen Stromes. Schöne, mich mit diesem mir zugefallenen Dasein in Dankbarkeit wieder einmal versöhnende, unvergessliche Mondnacht Du.
Als es dann gegen Mitternacht aber doch ziemlich frisch wird, steige ich rasch in mein Turmzimmer hinauf. Schon im Halbschlaf begriffen wache ich aber unwillig nach einiger Zeit durch einen gedämpften, pochenden Takt auf. Einen wohlbekannten hitzigen menschlichen Paarungstakt. Von nebenan, von unten, von unten außen? Wer sind die Glücklichen? Die Seitlichen links oder rechts neben mir, Die unter mir? Morgen früh in Gesichtern spüren. - Ach was!

Ich nehme besser ein großes Mineralwasser und eine ablenkende Wechseldusche? (Wer duscht denn noch zu dieser nachtschlafenden Zeit, so was Rücksichtsloses! So wird jetzt vielleicht irgend jemand wo rätseln. Morgen früh in Gesichtern spüren! - Ach was!)
Dann hau ich mich aber schnell mucksmäuschenstill auf mein Sofa. Ruhe brauche ich jetzt, nur Ruhe! Wo sind wir eigentlich jetzt? Am kommenden Abend, für die Zeit nach dem Essen, ist ein gemeinsamer Liederabend vorgeschlagen worden. Gäste und Gastgeber sollen, immer im Wechsel nacheinander spontan Beispiele ihrer Volkslieder vortragen. Doch schon bei unserem ersten Auftritt kommen wir Gäste ganz schön ins Stocken, und über die erste Strophe des „Lustig ist das Zigeunerleben“ nicht hinaus.

die Schiffsleitung stellt sich vor

Bordleben
Die Gastgeber sind vertreten durch zwei einfache Matrosen, zwei Zimmermädchen und den schlichten „Reisebegleiter“.Sind aber dazu, gemeinerweise vorher nicht angekündigt, noch verstärkt durch ihre Drei-Mann-Kapelle mit Zupfinstrumenten und Harmonika. Ins Mikrofon hinein singt dazu eines der beiden Zimmermädchen ganz und gar ungeniert und routiniert wirkend, zärtliche aber auch zackige Weisen. Und so liegen die Gastgeber nach ihrem Vortrag, das muss ihnen der Neid aber auch lassen, schon nach der ersten Runde mit 1:0 vorn.
Wir bringen zwischendurch „Die Gedanken sind frei“ zu Gehör. Die Instrumentalisten begleiten. Sie kennen das schöne Lied. Das war denn auch unser einziger tröstlicher Anschlusstreffer. Danach aber geraten wir immer mehr ins Hintertreffen, bis „Ilfir“, der Höfliche, vorschlägt, ab sofort zu versuchen, eigenes und auch das Liedgut aus dem anderen Lager gemeinschaftlich weiter zu singen.
Am kommenden Morgen, noch in grauer Dämmerung, erkenne ich rechtsseitig einen flachen, im Morgennebel noch verwischten Höhenzug mit kantigen Gebäuden und hohen Kaminen. Das kann nur, da bin ich mir sicher; denn ich hatte vorher viele Fotos davon studiert, „Stalingrad“, das heutige Wolgograd sein. Diese Wolgastadt, in der mit ihrer bedingungslosen Kapitulation am 2. Februar 1943 eine ganz deutsche Armee, die 6. Armee, vernichtend geschlagen und untergegangen war. Rund 150 000 deutsche Soldaten waren hier gefallen. 100 000 weitere kamen in Gefangenschaft. Von diesen kehrte nach 10 Jahren nur noch ein Rest von 5 000 wieder lebendig nach hause zurück.

Während der Weiterfahrt flussabwärts an der, sich mit ca. 60 km am Ufer der Wolga entlang erstreckenden Stadt lösen sich allmählich die Frühnebel auf. Die Sonne kommt durch. Und dann, kurz vor dem hoch über dem Fluss erkennbaren Stadtzentrum, liegt die rechte Uferpromenade mit der mächtigen, zum Zentrum der Stadt führenden, mit Kandelabern geschmückten aufsteigenden Treppenanlage, im warmen hellen Licht der Morgensonne vor meinen staunenden Augen.

Stalingrad = Wolgograd

der Mamajew-Hügel
Nach dem Anlegemanöver wird an Bord noch gefrühstückt, (heute ohne vorherigen Frühsport!) und danach zu einer umfangreichen Stadtführung aufgebrochen. Mit Bussen werden wir vom Hafen aus zur Haupttreppe der Uferpromenade gebracht und steigen die Treppe hinauf. Hier oben ist ein weiträumiger Platz im Stil eines Kurortes mit viel Grün und schattigen Ruheplätzen angelegt worden. Zentral gelegen ein Denkmal zur Erinnerung an die gefallenen heldenhaften Verteidiger von Stalingrad. Mit einer davor stramm stehenden Ehrenwache Junger Pioniere, so wie wir sie schon in Kasan gesehen hatten. Unsere für Stalingrad zuständige Fremdenführerin gibt hier erklärende Worte zur Bedeutung dieser Stadt für die ganze damalige Sowjetunion ab.

Am Rande unserer Reisegruppe stehend erblicke ich auch gleich, der ich durch meine vorherige theoretische Beschäftigung mit der Stadt in gewisser Weise nicht ganz ortsunkundig bin, die halbrund vorspringende Säulenfassade im EG des Kaufhauses „Univermag“, in dessen Kellerräumen sich der deutsche Oberbefehlshaber Paulus mit seinem Offizierstross den russischen Soldaten schon am 31. Jan. 1943 hatte ergeben müssen. So steht es auch auf einem an diesem Gebäude angebrachten Metallschild zu lesen. Wendet man sich von hier aus nach Westen, so erblickt man den während des Krieges heiß umkämpften innerstädtischen Bahnhof.
Unsere Gruppe wird jetzt Richtung Norden weiter zu einem Rundkinokomplex geführt. Dort werden Dokumentarfilme beider Seiten gezeigt.
Vor dem Kino auf einer geräumigen Terrasse wird russische Militärtechnik aus den vierziger Jahren des 20. Jahrhunderts ausgestellt. Flugzeuge, Panzer und Kanonen. Wir besichtigen auch die in der Nähe als Mahnmal stehen gelassene Backsteinruine einer völlig zerschossenen Mühle, in der nach dem Ende der Kämpfe ganze Stapel Gefallener beider Seiten, zum Teil vorher noch als Kugelfang von den eigenen Kameraden in ihrer Todesangst missbraucht, vorgefunden worden waren. Die letzte Verteidigungslinie des kommandierenden Generals Tschuikows, kurz vor dem nach Osten zu steil zur Wolga hin abfallenden Steilufers wird uns gezeigt.

„Noch zwei Schritte zurück und wir sind in der Wolga“ hatte Tschuikow an Stalin gefunkt. „Keinen Schritt zurück“ hatte darauf Stalin befohlen. Und die Linie war gehalten worden. Danach kam der Umschwung für die Verteidiger und ihr Sieg auf der ganzen Linie.
Als wir, wie ein Häuflein Küken um ihre Henne geschart, mit der Fremdenführerin an einem Laden für Dinge des täglichen Bedarfs vorbeikommen, löse ich mich aus der Gruppe heraus und schlüpfe in den Laden voll der Hoffnung hier ein passendes Mitbringsel für meine Frau finden und kaufen zu können.

am Panorama-Museum

die MS Fedin im Hafen von Wolgograd
Es gibt hier natürlich eine große Auswahl an „Matrjoschkas“, den typisch russischen ineinander geschachtelten rundbäuchig gedrechselten Holzpuppen, grell bemalt und in den verschiedensten Ausführungen und Ausgangsgrößen. Es gibt „Samoware“ als Antiquität für Holzkohlebeheizung, sehr teure dazu ganz aus Silber, und auch moderne Ausführungen davon, in denen das Teewasser schon elektrisch erhitzt werden kann. Es gibt aber keinen dazu gehörigen Tee.

Zwar gibt es Zigaretten, alkoholische Getränke und geknüpfte Teppiche. Zeitungen, Bücher, Ansichtskarten, Stadtpläne, aber keinen Tee.
Auf langen Regalen stehen Lenin-Büsten in den verschiedensten Größen, stehen ebensolche von Stalin. Man verkauft Leporellos mit schwarz-weiß-Fotos, die Kampfszenen, Trümmerwüsten und Tote zeigen, aber es gibt keinen Tee.
Warum? Die Verkäuferin zuckt mit den Achseln. Was tun? Denn Tee, nichts anderes als einige würfelförmige Päckchen echten „russischen Tee´s“ wären für mich an dem heutigen Tag die Wunsch-Mitbringsel aus dieser Stadt gewesen. Eben! Aber beim Teeladen im mittelfränkischen Fürth, „in der Schwabacher“, da gibt´s ihn! Das weiß ich. Ha,ha! (Warum hab ich nicht gleich da dran gedacht?)

Ich sage also brav „spassiwo“ und „do swidanije“ und verlasse den Laden. Die gute Verkäuferin atmet hinter meinem Rücken hörbar auf, entlastet von dem Stress, das stümperhafte, ihre schöne Muttersprache verschandelnde Russisch-Gequacke eines „Nemec“, eines Deutschen, in ihr halbwegs der Bedeutung nach verständliche Lautäußerungen mühsam umwandeln zu müssen.
Ein Omnibus bringt uns danach nach Norden, zu der Gedenkstätte für die gefallenen Verteidiger von Stalingrad auf dem „Mamajew Kurgan“, dem Mamajew Hügel. Von meinem Platz an der linken Fensterreihe aus kann ich schon die obere Hälfte der „Mutter Heimat“, der riesigen Frauengestalt mit einem hochgereckten Schwert in der Hand, erkennen. Vom Parkplatz aus führt eine monumentale Treppe über verschiedene Zwischenebenen und an ausdrucksstarken Großplastiken kämpfender Menschen entlang bis kurz vor den verhältnismäßig engen Zugang zum eigentlichen zentralen Gedenkdom. Neben mir geht der unscheinbare junge Fremdenführer.

Schon vom Vorplatz aus ist eine, uns Deutschen wohlbekannte ganz einfache, aber rührende Weise, nämlich Robert Schumanns „Träumerei am Kamin“ als getragener vielstimmiger A-capella-Chor zu hören. Tag und Nacht, pausenlos, endlos, seit Ende des Krieges. Der Gedenkdom ist ein bunkerartiger Rundbau, mit einer in seiner Mitte von einer Faust gehaltenen Fackel, in der eine ewige Flamme des Gedenkens brennt. Alle Innenwände sind mit den Namen und den persönlichen Daten von russischen Gefallenen lückenlos bedeckt. Ein Teilnehmer unserer Reisegruppe legt vor der ewigen Flamme einen Blumenstrauß nieder. Wir stehen danach noch lange in stillem Gedenken betroffen still, und trauern mit diesem Land wegen der vielen, an diesem Hügel sinnlos gefallenen jungen Menschen. Denken natürlich auch an die hier massenhaft umgekommenen eigenen Soldaten. Deutschland hatte einst, rat- und hoffnungslos wegen der zeitlichen Umstände, einen Wahnsinnigen an seine Spitze gewählt, und dafür letztendlich schwer büßen müssen.
Über die breite Innenrampe steigen wir anschließend hinauf zum Ausgang des unterirdischen Gedenkdomes. Ich kehre mit nassen Augen, für die sich hier niemand schämen muss, an zwei Wachsoldaten vorbei, wieder in die reale Welt zurück, in der, aus einer nahe gelegenen Gartenkolonie heraus hörbar, Schwärme herzerfrischend lebenslustiger Spatzen lärmen.

auf dem Mamajew-Hügel

die Ruhmeshalle
Vom oberen Ausgang aus kann man noch weiter flach nach oben bis direkt zur Statue der „Mutter Heimat“ gelangen. Seitlich am ansteigenden Fußweg ist eine beschriftete unscheinbare Steinplatte eingelassen. Darauf steht, dass hier die Urne von „Wassilij Tschuijkow“, des verantwortlichen Generals der Verteidiger Stalingrads beigesetzt worden sei. Erst, wenn man direkt vor dem Sockel der „Mutter Heimat“ steht, werden einem die riesigen Ausmaße der Statue so richtig bewusst.
Später, und wieder auf dem Schiff, nach dem Abendessen, versammeln sich die Gäste im großen Vortragssaal und nehmen an Vorträgen teil, die verschiedene politische Themenkreise zum Gegenstand haben. Frau Dr. X und anschließend auch die junge Moskauerin sind mir, die sie beide ihre Thesen mit geballten Fäusten unterstreichen als ziemlich fanatische Personen in Erinnerung.

Danach meldet sich noch Herr Dr. Y. zu Wort. Zwischenfragen dürfen und sollen gestellt werden. Die Wortwahl, die Stimme des Herrn Dr. Y. wirken auf mich eher gemäßigt und lässt alle Zukunft offen. Seiner „leisen“ Körpersprache nach scheint er ein sehr musischer Mensch zu sein.
Kurz nach Stalingrad schwenkt die Wolga nach Südosten um, um schließlich nach etwa 450 km ins Kaspische Meer zu münden. Wir aber werden südlich von Stalingrad die Wolga über den „Wolga-Don-Kanal“ verlassen um, nach Westen zu, an den Don überzuwechseln.

der "Stille Don"

Denkmal der Rotgardistenkämpfe 1920
Gegen Ende der Vortragsreihe ist es bereits finster. Den Wolga-Don-Kanal werden wir nachts passieren und morgen früh, schon auf dem Zimljansker Stausee schwimmend, aufwachen. Der Stausee ist teilweise mehr als 15 km breit. Bis zum Endpunkt unserer Reise, bis Rostow, sind es aber immer noch mehr als 400 km. Wir dürften uns jetzt auf dem Gebiet des ehemaligen Reiches der Don-Kosaken befinden. Mitten auf dem Stausee zeigt uns ein stolzer junger Angler, in seinem Ruderboot stehend, mit hochgereckten ausgebreiteten Armen seine Beute, einen riesigen Fisch. Am südwestlichen Ende des Sees werden wir, nach dem Passieren einer Schleuse, auf den sagenumwobenen Don, auf den „Stillen Don“ abgesenkt. Fahren aus der Schleuse heraus, gleiten danach durch beiderseits bis an den Fluss heranreichende, lichte, unberührt wirkende Laubwälder und Buschlandschaften in Fließrichtung immer nur weiter und weiter und weiter.

An beiden Ufern tauchen gelegentlich kleine Weiler auf. Wie vergessen wirkende auf Holzsäulen ins Wasser gebaute Anlegestellen für die Personenschifffahrt fallen durch ihre Schmuckelemente in Laubsägearbeits-Manier auf. Wir passieren den Zufluss des Donez. Am späten Vormittag wird an einer Insel angelegt. Und wir können das Schiff für eine romantische Wanderung und Erkundung der Insel verlassen.
Eine einheitlich dunkelbraune Herde junger Kühe steht gelassen wiederkäuend drüben im Fluss. Mit freiem Blick hinüber zu dieser Herde liegt, hoch über dem Don, seine Schirmmütze nach vorne über die Augen geschoben, die Arme hinter dem Kopf verschränkt, ein junger Mann in einem weißen Hemd mit kurzen Ärmeln. Seine langen Hosen stecken in blitzblanken Schaftstiefeln. Zwischen seinen Zähnen wippt eine langstielige Blume mit gelben Staubgefäßen und schneeweißen schlanken Blütenblättern. Ist es eine Margarite?
In seiner Nähe weidet rupfend ein schlankes, braunes Pferd. Beständig schüttelt es, der vielen Stechmücken wegen, seinen zur Erde gesenkten Kopf. Sein langer Schweif peitscht Rücken und Bauch. Die Hinterbeine sind in ständiger nervöser Bewegung. Zuckende Schauer laufen in zielgerichteten Wellen über den Körper des schönen Tieres.
Ach, wär ich doch „Er“, der junge Kosak. Nur ein ganz kleines Jahr!

Als wir nach einer guten Stunde wieder zurück sind, haben die Gastgeber eine Wiese als Schauplatz für ein gemeinsames Neptun-Fest hergerichtet. Badebekleidung ist jetzt, mehr oder weniger spärlich, angesagt. Je nach Gewichtsklasse. Achtung: Formstau-Gefahr. Wer immer will, kann sich aus seinem Körper von weiblichem Schiffspersonal mithilfe greller Farben das letzte aber auch das allerletzte an Schönheit herauskitzeln lassen.

Neptun kommt

Neptunfest
Im flachen Wasser der Uferzone des Don liegen ganze Trauben von Netztaschen, gefüllt mit wasserklar glitzernden Destillaten. Über einem Holzfeuer hängt dagegen ein (außen) rostiger, halbkugeliger Kessel, in dem es suppig brodelt. Freiwillige, die heute bei Neptun persönlich einen „Don-Schipper-Taufschein“ erwerben möchten, werden allerdings bis jetzt noch händeringend (fäustchenballend) gesucht. Neptun, ein ausgefuchster ex-Karnevalsprinz aus dem Rheinland, ein Jecke, steht schon mit seiner Zackenkrone aus goldfarbenen Pappkarton auf dem Kopf und seinem Szepter, einem langen Kehrbesen in der Faust, hinter einem hohen Stuhl, an einem Bottich, der vor weißem klebrigem Schaum überquillt.
Als erstes werde der Täufling nämlich am ganzen Körper rasiert werden müssen. Die eigentliche Taufe werde danach aber durch Untergetauchtwerden von zwei kräftigen, maskierten Untertauchern, die in Neptuns Diensten stehen, in den Wassern des Don besorgt werden. Nach dem darauf folgenden Trockenreiben des frisch Getauften mit kratzigen Strohbüscheln werde schließlich der zweisprachige Taufschein überreicht. Besiegelt werde das ganze mit jeweils „sto gramm“ für die ganze Taufgemeinde“. Der Täufling kriegt zweimal sto. Zweimal vorher und zweimal nachher. Kandidaten, die glauben, von Natur aus zu maßloser Theatralik befähigt zu sein, würden bevorzugt. Juxeshalber. Mit derart verlockenden Versprechen lockt man aber doch keine potentiellen Täuflinge nicht!?

Immer langsam und vorsichtig sage ich mir; denn zuletzt erwachst du morgen früh noch als getaufter Kommunist und praktizierender Bigamist. (also die zierliche kleine Nachtigall vom Liederabend, oder die feste blonde Serviererin schon, aber auf keinen Fall eine der mit beiden Fäusten ballernden Polit-Agitatorinnen!)
Inzwischen haben einige Übermutige beschlossen, sich vom Flussgott Neptun zum „Don-Skipper“ taufen zu lassen. Ein erster, noch „Ungetaufter“ hockt ja schon im Wasserbottich und wird gerade eingeseift. Sto Gramm! Das Rasieren erfolgt mithilfe eines kantigen Holzscheites. Sto Gramm! Der Täufling wird danach ziemlich unsanft von zwei Maskierten niedergerungen, niedergehalten und in den Fluss geschleppt. Und wird dort, er darf sich die Nase mit Daumen und Zeigefinger zuzwicken, unter Wasser gedrückt, jedoch hin und wieder, Luftblasen steigen auf, kurz vor dem Erstickungstod hochgerissen. Über Wasser prustet der Arme dann immer und windet sich wie ein Regenwurm am Angelhaken.

Neptun-Rasur

Neptun-Mahlzeit
Wieder auf festem Boden zurück, wird er sofort trocken gekratzt. Sto Gramm! Dazu spielt eine Harmonika die Stöhnlaute des Täuflings übertönende rasante Tanzweisen. Sto Gramm! (Klappe zu, Tiefschlaf!) Nun wird der Taufschein einschließlich aller persönlicher Lebensdaten mit ernster Grabesstimme vorgelesen. Neptun tunkt seinen rechten Zeigefinger in blaue Farbe, unterzeichnet mit drei Kreuzen und legt die Urkunde vorerst beiseite. Der Nächste! Dawei, dawei! (Aber nicht mit mir!)
Die Damenwelt hat Neptun, den Täufer und seine Helfershelfer weiträumig umringt. Lacht, wiehert wie verrückt, beklatscht Sonderverrenkungen. Keine von ihnen davon will aber aktiv traktiert und getauft werden. Der „Bikini“ könnte verrutschen. Oder sonst was sich ins Freie drängen wollen? An einem ewig langen Freisitz, bestehend aus einem schmalen Tisch und beidseitigen rohen Holzbänken werden Gulasch aus dem Kupferkessel, Weißbrotschnitten und geistige Getränke als stärkende Zwischenmahlzeit ausgeschenkt.

Anschließend taucht von irgendwoher ein Fußball auf, und uns Gästen, bzw. einer Auswahl derselben wird der Fehdehandschuh eines Fußball-Freundschaftsspieles vor die Füße geschleudert. „Wir“ wollen die Gastgeber nicht kränken, und verlieren trotz heftiger eigener Gegenwehr freiwillig mit 4:0.
Dann, als es schon kühl wird, ertönt die Schiffsglocke und wir werden gebeten in das Schiff zurück zu gehen; denn heute Abend wäre Fischsuppen-Verkostung und Flusskrebse-Essen. Man lebte also, wie hier nachzulesen, gar nicht so schlecht im Reich der Don-Kosaken.
Am frühen Vormittag des nächsten Tages nähern wir uns endlich und auch leider schon dem Endpunkt unsere Reise, der Stadt Rostow am Don. Wir passieren im Licht der warmen Morgensonne einen Flussabschnitt, dessen rechtes Ufer ein, vermutlich durch Abbruch entstandenes hohes Steilufer aus ockergelber Erde ist. In dieses haben Uferschwalben hunderte von Nesthöhlen gepickt. Vor den kreisrunden Fluglöchern erweckt ein dichter Wirbel aus aufgeregt zwitschernden Schwalben den Eindruck zum Schwärmen bereiter Bienenvölker. Rechts voraus, hoch auf einem Berg ist die golden leuchtende Kuppel einer Kirche zu erkennen.

Am Stillen Don

das Flussufer
Vom Hafen aus werden wir mit Autobussen in langsamer Fahrt kreuz und quer durch Rostow gefahren. Hinauf zu einem weiträumigen Platz, auf dem heute Markttag ist. Die in unserem Bus für Rostow zuständige Fremdenführerin hat uns zur Geschichte der Stadt sehr viel zu erzählen. Die Stadt war 1942 von Einheiten der Roten Armee während des Eindringens deutscher Soldaten in die Luft gesprengt worden. Und wurde von letzteren nach ihrer Gefangennahme größtenteils wieder aufgebaut.
Am Ostrand des Marktplatzes steht eine Kuppelkirche. Man kann sie über eine vorgelagerte Treppe von Westen her betreten. Ich will mich aber noch einer Fahrt nach Novo-Tscherkassk anschließen. Diese Stadt war einmal die Hauptstadt der Don-Kosaken. Wir erreichen sie nach einer Fahrt entlang weitflächiger Kohlfelder, in denen, weit verstreut, einige wenige Menschen gebückt arbeiten.

Das Zentrum von Novo-Tscherkask mit seiner riesigen Kathedrale ist beeindruckend. Mich zieht es, zusammen mit einem aus unserer Gruppe, aber zu Fuß noch weiter an den östlichen Stadtrand. Dort führt eine schnurgerade unbefestigte Straße hinaus in die freie Landschaft. Am Ende derselben, kurz vor Feldern und Wiesen steht ein Zirkuszelt unter flatternden bunten Wimpeln. Es ist ein kleiner Zirkus aus Ostdeutschland, aus der DDR. Das Zweimastzelt, die Wägen, die Zugmaschinen, Absperrungen und so fort, sehen ziemlich überholungsbedürftig aus. Mit den Zirkusleuten selbst kommen wir nicht ins Gespräch. Die geschlossene Bebauung beiderseits der Straße wirkt durch die Bank ungepflegt. Ich gehe durch offene Tore in einige der straßenseitigen Höfe hinein. Überall liegen verrostete Reste von Fahrzeugen der verschiedensten Art verstreut herum. Auch sonstiges wirres Altmetall. Schrott, Autoreifen.
In einem der Höfe, der ringsum entlang der hohen gemauerten Einfriedung mit großen Laubbäumen bepflanzt ist, scharen sich an die zehn schmächtige Gestalten in tiefer Hocke um ein glimmendes Lagerfeuer. Sie halten lange Stecken mit daran vorne aufgespießten Fleischstücken über die Glut. Sie tragen halbkugelige Stoffkäppies oder Pelzmützen auf dem Kopf. Ihr Gesichtsschnitt ist durchwegs asiatischen Typs. Sie blicken, soweit dem Eingang zugewandt, nur ganz kurz auf, stoßen aber die uns den Rücken zukehrenden mit dem Ellbogen an. Einer schiebt seine Pelzmütze in den Nacken. Mehr Zeit müsste man haben. So ganz geheuer wäre es mir nachts im Kreise dieses naturnahen Clans aber nicht. Vorurteil? Mongolensturm? Herrenmenschen? Untermenschen? Goebbels? Wir ziehen uns also ruckartig rückwärts aus der Tordurchfahrt auf die Hauptstraße zurück

Rostov/Don - Intourist-Hotel

ein "Kometa"-Schiff
Unser Bus wartet schon in der Nähe der Kathedrale und bringt uns zum Schiff zurück. Der Nachmittag steht zur freien Verfügung. Das Wetter ist so heiß, dass ich für meine private Stadterkundung kurze Hosen und ein kurzärmliges helles Hemd anziehe. Dazu Sandalen ohne Socken darunter und einen Rucksack für den Foto und eventuelle Souvenirs. Vom Schiff aus zerstreut sich die Touristengruppe je nach Interessenlage schnell in verschiedene Himmelsrichtungen. Mein Hauptziel ist noch einmal der Markt von heute Vormittag und die Kathedrale. Unterwegs nach oben durch enge Gassen und steile Straßen verdrehen sich Passanten die Augen nach mir.
Aufzufallen, das ist für mich neu und mir schon von Kind an sehr unangenehm. Gefällt ihnen die grellgelbe Farbe meines Rucksackes nicht? Oder gefällt diese Farbe ihnen sogar besonders? Also, bevor ich mich lange weiter anstarren lasse, verschenk ich den Rucksack demnächst an den nächsten Erstbesten.
Aber da bin ich schon oben auf dem Marktplatz und mische mich unter die Leute. Diese weichen, wenn ich auf sie zugehe auseinander, lassen mich passieren und drehen sich anschließend nach mir um. Aller Augen sind, so scheint es, auf mich und meinen Rucksack gerichtet.
Jetzt will ich es aber genau wissen. Ich streife den Rucksack ab und rolle ihn so eng zusammen, dass er in einen dunkelblauen Plastikbeutel passt. Aber der Spießrutenlauf für mich hört deswegen nicht auf. Also strebe ich, eile ich, fliehe ich in Richtung Kathedrale. Beim Hinaufhasten über die Außentreppe treffen mich ab den ersten Stufen immer abwehrendere Blicke vorwiegend alter Frauen. Dann kommt schon das Portal, der düstere Innenraum, Schatten, Kühle, verbergende Finsternis.

Endlich fällt bei mir der Groschen. Meine kurzen Hosen! Die blassen nackten Beine! Warum hat mich keiner spätestens zu Beginn meines privaten Landgangs aufgeklärt? Soll ich mich von einem Taxi zurückbringen lassen? Und wenn der Fahrer sich, meiner kurzen Hose wegen, verweigert? Soll ich mich bis zur Nacht in der Kirche verstecken? Erst im Finstern hinab zum Schiff schleichen? Zur Zeit ist es hier aber auch in sternklarer Nacht nicht allzu finster! Wir haben schließlich noch mindestens Halbmond. -„Halbmond“?
Halbmond-Koran-Ungläubiger ich! (Mit Feuer und Schwert!) Langsam unterkühlt mich mein Angstschweiß. Ich friere. Aber dann mache ich kurz entschlossen einen Ausfall. Verlasse die Kirche, die exponierende Treppe, auf kürzestem Weg den Markt, und bin schließlich gerettet. Jetzt brauch ich aber zweimal „sto gramm“. Zumindest im Geiste, und ein kräftiges Abendessen.
Denn morgen früh nach dem „Kikeriki“ wird noch ein letztes Mal auf dem Schwimmenden Hotel, der „Konstantin Fedin“ gemeinsam gegessen, und danach muss gepackt werden.
Am späten Vormittag bringen uns Busse zum Flugplatz. Wir schütteln dankbar viele uns zugestreckte Hände, geben unser Gepäck auf, warten auf dem Vorfeld lange in glühender Hitze, besteigen das für uns reservierte Flugzeug und sind auch schon über den Wolken, zurück auf dem Luftweg nach Frankfurt am Main.
Ein ziemlich aufregendes Abenteuer war damit zu Ende, ein großartiges Erlebnis in einem großen Land. Ich denke immer noch oft daran. Do swidanie!

W.M.
Viele Jahre nach meiner Wolga-Don-Kreuzfahrt, zur Weihnachtszeit, ist ein Brief in meiner Post. Ich öffne ihn als ersten, durch seine äußere Auffälligkeit neugierig gemacht. Er enthält eine mit einem schlichten Motiv bedruckte Weihnachtskarte mit folgendem handschriftlichen Text:

Sehr geehrter Herr Meier,

zum Weihnachtsfest und zum kommenden neuen Jahr wünsche ich Ihnen alles Gute. Ich war einmal, Sie werden sich erinnern, während einer Wolga-Don-Kreuzfahrt Ihr Dolmetscher.
Ihr Ilfir Gusatulin
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